Das Wohnhaus am Kirchplatz 6: Ein bäuerliches Wohnhaus in der Rheinebene


Das zweigeschossige Fachwerkhaus Am Kirchplatz 6 im Ortskern von Ottersdorf, heute ein Ortsteil von Rastatt, wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut, also vor rund 250 Jahren, als der Rhein noch nicht korrigiert und Rastatt Sitz der baden-badischen Markgrafen war. Das bäuerliche Anwesen gehörte seit Anfang des 18. Jahrhunderts der Familie Jung, die es über sechs Generationen bewohnte. Das heutige Haus hatte einen Vorgängerbau, der um 1753 durch einen Brand bis auf die Grundmauern zerstört wurde.

Ein Küchenflurhaus
Das neue Wohnhaus, das 1753 errichtet wurde, besitzt einen modellhaften Charakter. Der unter rein funktionalen Aspekten entworfene dreizonige Grundriss ordnet die Wohnräume um die Wärmequelle an und berücksichtigt dabei die Lichtverhältnisse. 

Im Erdgeschoss spielte sich das Leben ab
Die Küche war bis zum Einbau des Kamins 1940 eine sogenannte Rauchküche und zu diesem Zeitpunkt ein reiner Wirtschaftsraum, um das Essen für Mensch und Tier zuzubereiten. Die Küche ersetzte auch das Badezimmer. Der eigentliche Aufenthaltsraum war die Stube. Sie war ein Ort der Kommunikation, der Erholung, der Nahrungsaufnahme, aber auch ein Raum der wirtschaftlichen Tätigkeit wie ‚Kleinhandwerk’, Handarbeiten, Ausbesserung von Kleidung etc.“ Die ursprüngliche Kammer war klein, die Betten standen hintereinander an der Wand. Mit dem Versetzen der Trennwand zwischen Kammer und Stube verband sich vielleicht der Wunsch, ein bürgerliches Schlafzimmer mit Doppelbetten, Kommode und Kleiderschrank einrichten zu können.

Das Altenteil
Im hinteren Teil des Hauses befand sich das Altenteil, das eine Schlafkammer und eine eigene Küche besaß. Vor der Einführung der staatlichen Renten wohnten hier die Hofübergeber. Der Speicher diente ausschließlich der Fruchtlagerung. Die Ernte einer ganzen Saison musste zur Lebensmittelversorgung eingelagert werden, da die Familien bis nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend Selbstversorger waren. War die Ernte schlecht oder die Frucht durch falsche Lagerung verdorben, gab es im Frühjahr deutliche Engpässe in der Versorgung.

Obwohl das Haus Am Kirchplatz 6 einer wohlhabenden Familie gehörte – die Größe und die exponierte Lage im Ortskern und die Familiengeschichte belegen dies – wurde auf jeglichen Zierrat verzichtet. Das Fachwerk ist einfach und es gab keine Wanddekorationen.

Die Ölmühle der Familie Jung: Die südlich an das Wohnhaus angebaute Remise mit Ölmühle erhielt in den Jahren 1840 im Zuge größerer Umbaumaßnahmen von Konrad Jung wohl ihr heutiges Aussehen. Die Mühle selbst, die Konrad ”gebraucht” erwarb und die ursprünglich mit Wasserkraft betrieben war, wurde vermutlich 1863 eingebaut.

Ölmüllerei bringt nebenher Geld ein
Für das Ölmühlengebäude selbst wurden zum Teil sogenannte Zweithölzer verwendet, was an den Gebrauchsspuren ablesbar ist. Sie stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, vielleicht von einem Abbruchhaus aus der Nachbarschaft. Die Ölmüllerei zählte neben der Küferei, der Landwirtschaft mit Viehhaltung und der Schnapsbrennerei zu den Nebenerwerbszweigen der Familie Jung. Als Kundenmühle oder Lohnschlagmühle verarbeitete sie den angelieferten Ölsamen der Ottersdorfer Bauern zu Öl. Der Schlaglohn wurde mit Geld, häufiger aber mit Öl oder Ölkuchen, der - je nach Frucht - als Beifutter für das Vieh oder als Brennmaterial verwertet wurde, entrichtet.

Wie wurde das Öl gewonnen?
Die Arbeitsschritte der Ölgewinnung - reinigen - zermahlen - pressen - haben sich im Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten bis heute nicht verändert. Die Ölfrüchte wie Raps, Mohn, Lein, Walnüsse und in Notzeiten auch Bucheckern wurden je nach Frucht in der Quetsche (Schrotmühle) vorgeschrotet und dann im Kollergang von zwei großen Mahlsteinen fein zerrieben. Die gemahlene Frucht wurde erhitzt und das Öl in der Schlagpresse ausgepresst.

Industriell hergestellte Öle verdrängen heimische Produkte 
Peter Jung und seine Tochter Kunigunde, die die Arbeiten in der Ölmühle bis zu ihrer Heirat 1911 verrichtete, gaben die Ölmüllerei zu diesem Zeitpunkt wieder auf. Die durch die Erfindung der Dampfmaschine nun industriell hergestellten Öle und Importöle machten den vorher sehr einträglichen saisonalen Nebenerwerb unrentabel. Die Ölmühle fiel in einen Dornröschenschlaf, bis der aus Ottersdorf stammende Architekt Josef Seitz 1963 auf das eindrucksvolle technische und für die Region selten gewordene Kulturdenkmal aufmerksam machte. Es sollte jedoch über dreißig Jahre dauern, bis die völlig unberührte, mittlerweile jedoch sehr schadhaft gewordene Ölmühle restauriert und 1994 der Öffentlichkeit im heutigen Riedmuseum zugänglich gemacht wurde.

Kontakt:

Museumsadresse/PAMINA-Rheinparkzentrale
Riedmuseum Ottersdorf
Am Kirchplatz 6
76437 Rastatt-Ottersdorf
Tel./Fax 07222 25509

Postanschrift
Stadtmuseum Rastatt
Herrenstraße 11
76437 Rastatt
Tel. 07222 972-8400
Fax 07222 972-8499
E-Mail: museen@rastatt.de

Öffnungszeiten:
März bis Oktober: Freitag, Samstag, Sonntag und Feiertage von 14 Uhr bis 18 Uhr

Eintritt:
Erwachsene 3 Euro, ermäßigt 1 Euro
Freier Eintritt mit Museumspass

Sonderführungen nach Vereinbarung
Wochentags 40 Euro, Sonn- und Feiertage 50 Euro

Der Aalschokker kann nur auf Voranmeldung in Gruppen besichtigt werden.


Für Kinder:


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